2.Eintrag

Alle sprechen über die Beerdigung. Denn alle haben „Sie“ gesehen und sich mehr als gewundert. Vor fünfunddreißig Jahren hat Beth Cartland, Schwester von Dorothee Cartland, die Insel, in einer Nacht und Nebel Aktion verlassen und ist nie wieder gesehen worden. Anstatt nach ihr zu suchen, hat die Familie einfach so weitergemacht, als hätte es sie nie gegeben.

Nun saß sie in der ersten Reihe auf der Familienbank, mit ihrer Tochter, Alda. Schnell hatten die Damen heraus, dass sie fünfunddreißig war und somit stand der Grund, für ihre damalige Flucht, fest. Sie war schwanger gewesen und nicht verheiratet. Wer ist der Vater? Bestimmt ein verheirateter Mann. Anders kann es aus Sicht von Frau Lund, der Bäckerin und Estelle, der Friseurin, nicht sein. Das haben sie von Beth, die man damals immer nur als die Heilige bezeichnete, nicht erwartet. Aber es erklärt auch, warum ihre Familie, ohne sie, einfach so weiterlebte. Sie wurde verstoßen. Doch warum ist sie nun wieder zurück? Sie hofft doch nicht wirklich auf das Erbe ihrer Schwester, oder?

Ich fasse nicht, wie sich die Leute die Mäuler zerreißen. Gerüchte schüren, obwohl sie keinerlei Ahnung haben. Doch ich weiß es besser, denn ich habe die letzten Jahre nichts anderes getan, als all diese wichtigen Familien zu beobachten und zu studieren. Keiner aus der Familie oder dem Freundeskreis, reagierte ihr gegenüber abwehrend oder mit Distanz, als sie hier ankam. Keine Schuldzuweisungen, sondern Freude, sie endlich wieder in den Schoß der Familie zurückführen zu können. Und wer genauer hinsieht, erkennt sofort, mit wem Alda, wirklich Ähnlichkeit hat. Das sie aus der Familie Cartland stammt, dass kann keiner abstreiten, aber da ist noch mehr.

Doch die Leute sehen nur das, was sie in diesem Moment sehen wollen. Das liegt wohl in der Natur der Dinge. Sie werden sich noch wundern, wenn sie merken, wie wirklich alles zusammen hängt. Doch werden sie es überhaupt erfahren? Denn eines habe ich auf dieser Insel noch gelernt. Es gibt den inneren Kreis, der über alles, was auf dieser Insel geschieht, Bescheid weiß. Dann gibt es die, die wirklich keinerlei Ahnung haben und zu guter Letzt die, die Vermutungen haben, Dinge ahnen, oder erfahren haben, aber aus Angst, dass es Konsequenzen haben könnte lieber schweigen, oder hinter vorgehaltener Hand mit gleichgesinnten darüber reden. Zu all diesen Menschen habe ich Kontakt und versuche die Puzzlestücke zusammenzulegen. Denn auch wenn mein Volk mich viel über die Vergangenheit der Insel und der Familien gelernt hat, so wissen sie doch nicht, wie es gegenwärtig aussieht und was sich alles verändert hat.

Mein Augenmerk liegt vor allem auf Alda. Alle aus den Gründerfamilien, die Cartlands, die Mcmillians, die Svenssens und Sjöbergs, haben ihre Ankunft wochenlang vorbereitet und nur über sie gesprochen.

Ich vermute, dass sie die „Eine“ ist, welche den Fluch brechen kann, der auf all diesen Familien lastet.