3. Eintrag

Man hat mir beigebracht mich im Hintergrund zu halten. Ich habe gelernt eine Rolle zu spielen und mein wahres Ich zu verbergen. Umso mehr brauche ich die Nächte, in denen ich mich nicht verstecken muss. Mir fehlt mein Volk, denn ihr Leben ist ganz anders, als das der Menschen hier. Wir sind auf Frieden aus und wollen das Gleichgewicht halten, während hier jeder nur auf seinen Vorteil aus ist, die Naturgesetze zur Befriedigung seiner Ego-, Sicherheits-, und Wohlstandsbedürfnisse kurzfristig und unüberlegt missachtet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das krank macht. Deshalb ist es so wichtig für mich den Kontakt zur Natur, den Geistern und den Träumen nicht zu verlieren. Egal wie lange ich schon hier bin, ich werde mich nie an ihre Lebensweise gewöhnen.

Heute Nacht ist es wieder so weit. Ich fahre nach Andsforladt. Die Insel der Seelenlosen. Der Ursprungsort der Geister und Mythengestalten hier oben im Norden. Dort finde ich Antworten, sie bringen mir Nachrichten von meinem Stamm. Zu jedem Vollmond verlasse ich Elmarsrog, um den Meinen ein wenig näher zu sein. Für Unwissende ist sie die stillste Insel der Welt, sie hören rein gar nichts und das macht Ihnen Angst. Ein Grund warum alle diese Insel meiden. Aber für Sehende und Eingeweihte, ist es die Insel der Wahrheiten und Antworten. Wir haben den Monat des pinkfarbenen Mondes. Großmutter Mond wird in ihrer vollen Blüte stehen. Mit ihrem sanften Licht wird sie mir den Weg weisen und mir zeigen, was ich als nächstes zu tun habe. Sie wird mich stärken für das Kommende. Drei Tage werde ich auf der Insel weilen, behütet von Großmutter Mond und den Naturgeistern. Ich werde die Grenze zwischen menschlicher Realität und meinen Träumen überschreiten und so in Kontakt kommen mit dem Großen und Ganzen.

Für die Bewohner von Elmarsrog,  ist Claudine Odette ihre Familie, auf dem Festland, besuchen, Besorgungen machen. „ Komm bald wieder Claudine, wir brauchen dich doch hier.“ Ja das tut ihr, ihr braucht mich, doch ganz anders als ihr es denkt.

Drei Tage voller Tänze, Gesänge und Träume. Mein Fährmann holt mich in vier Stunden ab. Noch genug Zeit mich vorzubereiten. Er stellt mir seine Hütte zur Verfügung und bleibt während meines Aufenthaltes auch dort. Seit zehn Jahren begleitet er mich. Er stellt keine Fragen, aber er ist da und ich weiß, dass ich in seiner Nähe sicher bin. Denn ungefährlich ist diese Reise nie.