Ich sitze am Steg des Mirrorlakes, der seinem Namen alle Ehre macht. Wie ein glatter Spiegel liegt er vor mir, keine Welle kräuselt die Oberfläche. Und auch der niederfallende Regen kann diesen See nicht in Bewegung versetzen. Die Tropfen werden einfach verschluckt, als hätte es sie nie gegeben. Und blickst du in den See erkennst du rein gar nichts, alles schwarz, noch nicht einmal dein eigenes Spiegelbild. Dieser See ist unheimlich, sogar mir und ich weiß nicht, was es mit ihm auf sich hat. Auch nach all dieser Zeit ist er ein Rätsel für mich. Ich weiß nur, dass sogar die Wesen dieser Insel ihn meiden. Und sie raten mir, dass auch zu tun. Ich nehme es mir vor, doch er zieht mich magisch an. Und so lockt er mich, die erste Nacht auf der Insel, wenn der Mond noch nicht den vollen Höhepunkt erreicht hat, immer wieder zu sich. Dann sitze ich hier, stundenlang, starre auf die Oberfläche, lausche dem Nichts. Ich spüre wie ich eine Verbindung mit meiner Umgebung herstelle, ja eins mit ihr werde und das Gefühl bekomme ich bräuchte nichts anderes. Und immer wenn ich kurz davor bin mich einfach fallen zu lassen, einzutauchen in das schwarze Unbekannte, kniet er hinter mir und hält mich fest. „Nein, Claudine.“ Flüstert dann seine raue, männliche Stimme, sanft und sein warmer Atem streift meinen Nacken. Das Kribbeln auf der Haut wandert bis in meinen Bauch und der Drang mich umzudrehen, meine Arme um ihn zu schlingen und ihn zu Küssen wird so mächtig, dass es mich all meine Überwindung und Kraft kostet, die ich in den vergangenen Stunden gesammelt habe, es nicht zu tun. Er ist nicht für Dich bestimmt schreit alles in mir. Und anstelle des Kribbelns tritt ein Schmerz, wie ein Messerstich. Ich lasse mich trotzdem nach hinten fallen, lehne mich an ihn, spüre seine Umarmung, während er mir hoch hilft und mich zum Haus führt. Für diesen kurzen Moment der Nähe, seiner Stärke an meiner Seite, allein dafür lohnt sich diese Reise. Auch wenn es nie mehr werden darf. Das ist mein Schicksal, jemanden zu begehren, der nichts davon wissen, in dessen Leben ich nicht eingreifen darf. Ich wünschte mir, ich wüsste nichts von all diesen Dingen und könnte es einfach ausprobieren, erfahren, ob die Vibrationen, die ich zwischen uns spüre mehr werden, ob wir Liebende werden könnten. Er setzt mich auf der Couch ab und bringt mir danach, wie jedes Mal, einen heißen Tee, den er schon vorbereitet hat.

„Werden wir dieses Gespräch jedes Mal wieder führen, Claudine? Der See ist gefährlich. Du musst dich von ihm fernhalten. Nichts was in diesen See fiel, kam je wieder dort hinaus. Noch nicht einmal eine so mächtige Pauwau* wie Du. Du riskiert viel. Warum tust du es?“

„Weil ich nicht anders kann.  Ich verstehe es ja selber nicht, aber ich muss es immer wieder tun. Es gibt mir Kraft und eine innere Ruhe, die ich für die kommenden Tage brauche. Und ich habe auch keine Angst, denn ich weiß, dass du da bist, um mich von Dummheiten abzuhalten.“

Er setzt sich neben mich, schaut mir direkt in meine Augen und legt seine große Hand auf mein nacktes Knie. Sofort durchflutet mich seine Wärme, unwillkürlich muss ich tief durchatmen und für einen Moment die Augen schließen.

„Dann hoffen wir mal, dass ich immer rechtzeitig da sein werde.“

„Ja das hoffe ich. Und ich weiß es wirklich sehr zu schätzen. Danke, Joseph.“ sage ich zu ihm, ziehe mein Knie unter seiner Hand weg, stehe auf und gehe mit aufrechtem Gang und festem Schritt auf mein Zimmer zu. Ich drehe mich nicht noch einmal um, darf der Schwäche meines erhitzten Körpers nicht nachgeben. Ich bin sein Verderben.

*Hexe