9. Eintrag

Ich kann es einfach nicht. Ich kann diese Insel nicht untergehen lassen. Zu viel Herz steckt hier. Ich wünschte ich könnte mich jemanden anvertrauen. Wie gerne würde ich mit Joseph reden, da ich glaube, dass ich ihn dazu bringen könnte mich zu verstehen, dass er mir helfen könnte. Doch kann ich dieses Risiko wirklich eingehen? Er ist einer von ihnen. Was würde er sagen, wenn er erfährt wer ich wirklich bin und was ich hier eigentlich tue? Ich bin eine Spionin, die versucht hat sich in die Herzen anderer zu schleichen, damit sie mir alles erzählen und meine Familie es gegen sie verwenden kann. Ich kenne jede Fähigkeit habe sie alle studiert. Würde ich nicht sein Vertrauen verlieren, weil ich ihm verschwiegen habe, was ich alles schon weiß. Dinge, die ihm helfen könnten, die seinen zu schützen? Doch ich will ihn nicht verlieren. Er ist hier der Einzige, der auch nur ansatzweise die wahre Claudine kennt. Ich bin egoistisch. Mein ganzes Handeln ist von Gefühlen geprägt. Gefühle für einen Mann, dessen Herz ich nie haben werde, Gefühle für eine Insel und Menschen, die eigentlich Fremde sind und nicht zu meinem inneren Kreis gehören. Wenn meine Familie wüsste, welche Gedanken ich habe, wäre das mein Tod. Sie würden es auf keinen Fall dulden. Deshalb werde ich schlau vorgehen müssen. Sie dürfen die Wahrheit nicht erfahren. Durch Alda hat diese Insel eine Chance. Sie kann alles richten, wenn sie sich ihrer Rolle fügt und den richtigen Weg einschlägt. Und dafür werde ich sorgen. Ich werde sie leiten. Ihr Handeln und das anderer Bewohner beeinflussen. Und meine Familie werde ich in dem Glauben lassen, dass hier alles so läuft, wie sie es wollen, dass es keinen Grund gibt einzugreifen. Sie werden enttäuscht sein, denn ich weiß genau, dass sie nur zu gerne den Krieg auf die Insel bringen würden, den sie schon auf den Meeren begonnen haben. Sie halten sich für etwas Besseres, für diejenigen denen es zusteht die Macht über alles zu haben. Auf gleicher Ebene mit den Urhexen zu stehen, doch sie sind nicht besser als alle anderen.

Alda kann es sein. Sie kann diejenige sein, die endlich für Ruhe und Frieden unter den Parteien sorgt. Doch auch für sie wird es ein sehr schwerer Weg, denn wenn sie erfährt, was wirklich mit Rue geschehen ist, weiß ich nicht, ob sie fähig sein wird, ihr Handeln nicht von Hass und Rache leiten zu lassen. Doch ich habe großen Einfluss und werde meine Familie dazu bringen, die zu bekämpfen, die es verdient haben und auf Dauer gesehen Alda zu unterstützen. Ich muss nur sensibel vorgehen. Und ich muss vor allem näher an Alda heran kommen. Ich brauche ihr Vertrauen, um auch sie lenken zu können. Und das wird mir über Joseph gelingen.

3. Eintrag

Man hat mir beigebracht mich im Hintergrund zu halten. Ich habe gelernt eine Rolle zu spielen und mein wahres Ich zu verbergen. Umso mehr brauche ich die Nächte, in denen ich mich nicht verstecken muss. Mir fehlt mein Volk, denn ihr Leben ist ganz anders, als das der Menschen hier. Wir sind auf Frieden aus und wollen das Gleichgewicht halten, während hier jeder nur auf seinen Vorteil aus ist, die Naturgesetze zur Befriedigung seiner Ego-, Sicherheits-, und Wohlstandsbedürfnisse kurzfristig und unüberlegt missachtet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das krank macht. Deshalb ist es so wichtig für mich den Kontakt zur Natur, den Geistern und den Träumen nicht zu verlieren. Egal wie lange ich schon hier bin, ich werde mich nie an ihre Lebensweise gewöhnen.

Heute Nacht ist es wieder so weit. Ich fahre nach Andsforladt. Die Insel der Seelenlosen. Der Ursprungsort der Geister und Mythengestalten hier oben im Norden. Dort finde ich Antworten, sie bringen mir Nachrichten von meinem Stamm. Zu jedem Vollmond verlasse ich Elmarsrog, um den Meinen ein wenig näher zu sein. Für Unwissende ist sie die stillste Insel der Welt, sie hören rein gar nichts und das macht Ihnen Angst. Ein Grund warum alle diese Insel meiden. Aber für Sehende und Eingeweihte, ist es die Insel der Wahrheiten und Antworten. Wir haben den Monat des pinkfarbenen Mondes. Großmutter Mond wird in ihrer vollen Blüte stehen. Mit ihrem sanften Licht wird sie mir den Weg weisen und mir zeigen, was ich als nächstes zu tun habe. Sie wird mich stärken für das Kommende. Drei Tage werde ich auf der Insel weilen, behütet von Großmutter Mond und den Naturgeistern. Ich werde die Grenze zwischen menschlicher Realität und meinen Träumen überschreiten und so in Kontakt kommen mit dem Großen und Ganzen.

Für die Bewohner von Elmarsrog,  ist Claudine Odette ihre Familie, auf dem Festland, besuchen, Besorgungen machen. „ Komm bald wieder Claudine, wir brauchen dich doch hier.“ Ja das tut ihr, ihr braucht mich, doch ganz anders als ihr es denkt.

Drei Tage voller Tänze, Gesänge und Träume. Mein Fährmann holt mich in vier Stunden ab. Noch genug Zeit mich vorzubereiten. Er stellt mir seine Hütte zur Verfügung und bleibt während meines Aufenthaltes auch dort. Seit zehn Jahren begleitet er mich. Er stellt keine Fragen, aber er ist da und ich weiß, dass ich in seiner Nähe sicher bin. Denn ungefährlich ist diese Reise nie.